Architektur massiv hautnah | Rubrik Kunst & Kultur
Ausgabe 2026 | Text: Christina Mothwurf | Fotos: © Hertha Hurnaus, Stephan Huger, Julius Scherb 1930
Mitten im Wiener Bezirk Hietzing, verborgen hinter alten Bäumen und einer zurückhaltenden weißen Fassade, liegt eines der bedeutendsten Wohnhäuser der europäischen Moderne. Die Villa Beer, 1929/30 von Josef Frank und Oskar Wlach entworfen, war ihrer Zeit weit voraus – architektonisch, gesellschaftlich und kulturell. Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf wird das Haus nun erstmals öffentlich zugänglich. Die behutsame Restaurierung macht nicht nur ein Meisterwerk der Architektur wieder erlebbar, sondern erzählt auch von einer Epoche voller Aufbruch, Eleganz und Menschlichkeit – und von ihrem abrupten Ende.
Es klingt wie der Beginn eines Romans: Ein Mann betritt ein verlassenes Haus – und findet eine ganze Epoche. Als Lothar Trierenberg 2021 zufällig die Villa Beer entdeckte, war von ihrem Glanz kaum noch etwas zu sehen: verblasste Farben, ausgedörrter Garten, verstummter Flügel. Doch die Architektur sprach noch. In ihren verschobenen Ebenen, ihren Lichtachsen, in der ruhigen Radikalität dieses Baus spiegelte sich, was die Zwischenkriegszeit in Wien hervorgebracht hatte – und was durch Krieg und Verfolgung verloren ging. Fünf Jahre später, im März 2026, erwacht das Haus mit neuem Leben. Nach aufwendiger Restaurierung, wissenschaftlicher Forschung und handwerklicher Präzision öffnet sich die Villa Beer erstmals dauerhaft der Öffentlichkeit. Nicht als Museum, sondern als „lebendiges Haus“, wie der jetzige Hausherr Trierenberg betont – ein Ort, der Geschichte, Architektur und Gegenwart zu verbinden sucht.
›DIE VILLA BEER ERZÄHLT MEHR ALS ARCHITEKTURGESCHICHTE.
SIE ERZÄHLT, WIE ENG DAS WOHNEN MIT GESELLSCHAFTLICHEN WERTEN VERWOBEN IST:
EMANZIPATION, BILDUNG, LIBERALITÄT – UND IHR VERLUST.‹
Ikone der Wiener Moderne
Als Josef Frank 1930 die Villa Beer für das jüdische Ehepaar Julius und Margarethe Beer plante, stand Wien an der Schwelle zwischen Bürgertum und Moderne. Der Architekt, längst eine intellektuelle Größe des Österreichischen Werkbunds, suchte nach einer menschlicheren Moderne – einer, die Freiheit, Humor und Unordnung zulässt. Gemeinsam mit Oskar Wlach entwarf er in der Wenzgasse 12 kein kaltes Manifest, sondern ein wohnliches Gesamtkunstwerk, moderat modern und radikal menschlich zugleich. Schon die Fassade widersetzt sich symmetrischer Gewohnheit: runde, schmale, breite Fenster, übereinanderliegende Räume, eine zarte Asymmetrie. Innen entfaltet sich, was Frank in seinem Essay Das Haus als Weg und Platz beschrieb – eine lebendige Raumfolge, die Bewegung und Kontemplation miteinander verschränkt. Halle, Musikzimmer, Wohnzimmer und Teesalon fließen ineinander wie Plätze einer kleinen Stadt, verbunden durch eine Stiege, die zugleich Erschließung und Bühne ist. Mit ihrer offenen Geometrie, den geschwungenen Zwischenpodesten und dem Spiel aus Blickachsen und Pausen war die Villa Beer ihrer Zeit voraus. Frank löste den Grundriss als linearen Plan auf und ersetzte ihn durch ein räumliches Kontinuum – man geht, bleibt, schaut und versteht gleichzeitig auf unterschiedlichen
Ebenen.
Ein modernes Haus für eine moderne Familie
Die Auftraggeber, Julius und Grete Beer, standen für die Aufbruchsstimmung des liberalen Wiener Judentums. Julius als Unternehmer und Mitbegründer der Berson Kautschuk GmbH, Grete als gebildete und kunstsinnige Pianistin. In der Wenzgasse erfüllte sich ihr Traum eines zeitgemäßen, repräsentativen Hauses – ein Ort, an dem Architektur, Musik und Geselligkeit verschmolzen. Die Villa war nämlich weit mehr als ein privates Wohnhaus, sie war Treffpunkt der Wiener Kulturszene: Im Zentrum stand das Musikzimmer mit einem Bösendorfer-Flügel, den Margarethe Beer spielte. Die offene Raumfolge der Villa ermöglichte musikalische Soireen und gesellschaftliche Abende. Doch die Geschichte nahm eine tragische Wendung. Wirtschaftliche Rückschläge, Verfolgung und schließlich die Emigration 1940 zerrissen die Familie: Tochter Liesl, talentierte Fotografin, wurde 1942 deportiert und ermordet. Julius starb im Exil in New York, Margarethe kehrte nach dem Krieg heim, aber nie mehr in ihr Haus zurück. Die Villa aber blieb, als stummer Zeuge einer zerstörten Welt. Nur die Architektur bewahrte, was das Leben ausgelöscht hatte: Offenheit, Bewegung, den Glauben an Gestaltung als Form des Humanen.
Sanierung als Balanceakt
Nach dem Krieg ging das Haus an neue Besitzer:innen über, stand zeitweise leer, wurde verändert, geteilt und wieder bewohnt. In den 1980er Jahren kam es unter Denkmalschutz, doch eine umfassende Sanierung scheiterte immer wieder. Erst mit der Gründung der Villa Beer Foundation und dem Engagement Lothar Trierenbergs als deren Geschäftsführer erhielt das Gebäude eine Zukunft. Die Aufgabe im Sinne einer nachhaltigen Sanierung war allerdings gewaltig: Wie lässt sich ein vom Verfall gezeichneter Bau aus den 1930er Jahren authentisch restaurieren – und zugleich für Besucher:innen öffnen? Unter der Leitung von Architekt Christian Prasser entstand in jahrelanger Detailarbeit ein Balanceakt zwischen Denkmalpflege, Technik und Poesie. Statt einer Generalsanierung wurde eine „Generalreparatur“ vorgenommen – ein Begriff, der besser passt: Es ging nicht darum, das Haus in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, sondern darum, das Altehrwürdige in einem neuen Glanz sichtbar zu machen. Und genau dafür wurde viel Herzblut und Wissen investiert: Jedes Bauteil wurde geprüft, manches verworfen, vieles erhalten. Insgesamt 43 Metallfenster mit 250 Flügeln wurden so beispielsweise in liebevoller handwerklicher Detailarbeit demontiert, entrostet, neu lackiert und mit historischem Glas bestückt. Fehlstellen im Parkett wurden ergänzt, die Scharniere nachgegossen und alte Steckdosen rekonstruiert. Das Haus erhielt darüber hinaus auch eine nachhaltige Energieversorgung – Erdwärme und Photovoltaik statt Kohle – ohne an seiner historischen Substanz zu rühren. Die Restaurierung würdigt nicht nur Architektur, sondern Materialgeschichte: den grün schimmernden Gummiboden, ein Produkt der Firma des damaligen Bauherrn; die Farbtöne der 1930er Jahre; die subtilen Übergänge zwischen privaten und repräsentativen Räumen. Dass vieles noch aus der Bauzeit stammte, ist ein Glücksfall – und ein Beleg für Franks Qualität: solide, fein, von innerer Logik getragen. Und mit einer Basis aus mineralischen Baustoffen, die in Sachen Langlebigkeit ohnehin alle Stücke spielt.
›Es ging nicht darum, das Haus in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, sondern darum, das Altehrwürdige in einem neuen Glanz sichtbar zu machen …‹
Der Garten als Bühne
Auch der Garten wurde komplett neu geplant. Landschaftsarchitektin Maria Auböck interpretierte den ursprünglichen Entwurf mit leichter Hand: Baumgruppen, polygonale Steinplatten, ein sanfter Übergang zwischen Architektur und Natur. Spiegelpaneele im Zaun lassen erahnen, wie weit das Grundstück einst reichte – die Reflexion dient damit als subtile Geste des Erinnerns. Zwei neu gepflanzte, 60 Jahre alte Robinien ersetzen die verloren gegangenen Originale vor der Fassade. Zwischen ihnen liegt eine Rasenfläche, die sich für Veranstaltungen ebenso eignet wie für stilles Verweilen: ein Ort zwischen Erinnerung und Gegenwart, gebauter Kontinuität und offener Zukunft.
Offen für Begegnung
Seit März 2026 kann man die Villa besuchen – zunächst mit Führung, später auch frei, wie ein Gast im eigenen Wohnzimmer. Das Konzept der Öffnung ist bewusst zurückhaltend: Die Villa Beer bleibt ein Wohnhaus, kein Museum. Hier gibt es keine Etiketten oder Abschrankungen, die Zugänge verwehren, sondern ein Eintauchen-können in die Atmosphäre des Hauses. „Die Besucher:innen sollen sich als willkommene Gäste fühlen“, sagt Geschäftsführerin Katharina Egghart, die gemeinsam mit Trierenberg das Programm entwickelt hat. Neben Architekturführungen gibt es Themenrundgänge zu Josef Franks Möbelentwürfen, zur Geschichte der Familie Beer oder zum jüdischen Leben in Hietzing. Künftig sind auch Workshops, Schulprogramme, Forschungs Residencies und Konzerte geplant. Wer übrigens schon zum Frühstück Architekturjuwel-Atmosphäre gemeinsam mit Kaffeeduft schnuppern will: Auch das ist möglich. Im Dachgeschoß sind nämlich drei Gästezimmer entstanden – schlicht, möbliert mit Textilien von Svenskt Tenn, jener schwedischen Firma, bei der Josef Frank im Exil arbeitete. Hier lässt sich die Villa nicht nur betrachten, sondern bewohnen. Zumindest für ein paar Nächte.
Der humane Modernismus
Frank verstand dabei schon früh, dass Architektur auch als Dienst an der Zivilisation zu sehen ist. „Zwischen den Begriffen Kochen, Essen, Schlafen, Arbeiten und dem des Wohnens liegt das, was wir Architektur nennen“, schrieb er. In einer Zeit, in der die Moderne oft als streng und steril galt, schuf er eine warme Rationalität. Die Villa Beer wurde zum Schlüssel dieser Haltung: ein Modell des offenen, menschengerechten Bauens. Während Le Corbusier den Kubus zur Maschine stilisierte, sah Frank das Haus als Bühne des Alltags – mit Platz für Zufall, Individualität und Unordnung. Seine Idee des „Akzidentismus“ – die Schönheit des Ungeplanten – wirkt heute, in einer Welt der High End Renderings, frisch und subversiv. Die Villa Beer erzählt mehr als Architekturgeschichte. Sie erzählt, wie eng das Wohnen mit gesellschaftlichen Werten verwoben ist: Emanzipation, Bildung, Liberalität – und ihr Verlust. Ihre Wiedereröffnung ist daher mehr als ein Denkmalakt. Sie ist eine Rückgewinnung von Geist. Wer heute durch die Halle tritt, sieht das Licht, das durch die großen Fenster fällt, hört vielleicht imaginär den Klang des Bösendorfers, den Grete Beer einst spielte. Und versteht, dass hier eine Idee von Leben weiterklingt, die der Zerstörung standhielt.
››Wer schon zum Frühstück Architekturjuwel- Atmosphäre gemeinsam mit Kaffeeduft schnuppern will …‹
Architektur als Zukunft
Mit der Wiederbelebung der Villa Beer wurde kein Haus „fertiggestellt“, sondern ein Prozess eröffnet. Forschung, Vermittlung, Begegnung – all das gehört nun zu ihrem Programm. In Kooperation mit Museen, Universitäten und Kulturinstitutionen soll das Haus zum Knotenpunkt einer neuen architektonischen Öffentlichkeit werden.
Transformation in Bewegung
Die Stadt Wien und das Bundesdenkmalamt haben diese Transformation gefördert, aber getragen wird sie von einer Haltung: Respekt vor dem Bestand – und Vertrauen in das, was Architektur bewirken kann. Denn die Villa Beer zeigt, dass die Moderne nicht vergangen ist. Sie lebt – in der Bewegung einer Treppe, dem Glanz einer Brüstung, der Offenheit einer Gesellschaft, die wieder zu lernen beginnt, was Josef Frank schon wusste: Modern ist das Haus, das alles Lebendige aufnehmen kann – und dabei doch organisch bleibt.
Facts & Figures
Kunst & Kultur
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ursprüngliche Architektur:
Josef Frank & Oskar Wlach -
Instandsetzung:
Lothar Trierenberg | Villa Beer Foundation & Christian Prasser | cparchitektur -
Landschaftsarchitektur:
Auböck + Kárász -
restauratorischen Untersuchungen:
Alexandra Sagmeister